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Jüdische Friedhöfe in Frankfurt am Main
Von Gabriela Schlick
Seit dem Mittelalter siedelten
Juden in und um Frankfurt am Main. Dort wo es eine Gemeinde gab, musste diese
auch die Möglichkeit haben ihre Verstorbenen nach den rituellen Gesetzen zu
beerdigen. Jedoch nicht jede Gemeinde besaß notwendiger Weise ihren eigenen
Begräbnisplatz. Hierfür gab es diverse Gründe: mangelnde finanzielle
Möglichkeiten, sei es, weil es sich um eine sehr kleine oder eine sehr arme
Gemeinde handelte, oder schlichtweg die Tatsache, dass die jeweilige Obrigkeit
weder den Erwerb eines Grundstücks noch die Anlage eines Friedhofs gestattete.
Besaß eine Gemeinde einen Begräbnisplatz gewann sie für die jüdische Bevölkerung
im Umkreis erheblich an Bedeutung, denn die Betreuung und Bestattung eines Toten
gilt als höchste religiöse Pflicht im Judentum.
Im heutigen 248 Quadratkilometer umfassenden Stadtgebiet von Frankfurt am Main liegen 12 jüdische Friedhöfe. Deutlicher als durch diese Zahl kann die allgemeine Bedeutung Frankfurts als Zentrum jüdischen Lebens, insbesondere in der Vergangenheit nicht dokumentiert werden. Jedoch nur 3 dieser 12 Friedhöfe stehen ursprünglich in direkter Verbindung mit der Frankfurter Gemeinde. Die übrigen 9 wurden von Gemeinden in diversen benachbarten Herrschaften, wo Juden jeweils Niederlassungsrecht erhalten hatten, angelegt. Zum Zeitpunkt ihrer Entstehung lagen diese 9 Friedhöfe also nicht in Frankfurter Territorium, sondern im "Ausland". Tiefgreifende politische Veränderungen und das stete Anwachsen der Stadt führten schließlich im Verlauf des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zur Eingemeindung an Frankfurt angrenzender Ortschaften mit samt Territorium und den darin gelegen jüdischen Friedhöfen.
1) Battonnstrasse:
11,850
qm
Bilder
Der älteste Jüdische Friedhof Frankfurts, heute flankiert von
Battonstrasse und Börneplatz, wurde bereits im Mittelalter angelegt. Ein
Grabstein auf das Jahr 1272 datiert, belegt, dass es sich hier sogar um den
zweitältesten jüdischen Friedhof in Deutschland handelt. Weiter zurück reicht
nur der jüdische Friedhof in Worms. Zunächst außerhalb der Stadt angelegt, wurde
der Friedhof bei deren Erweiterung 1333 mit in die Stadtmauern eingeschlossen.
Allerdings lebten Juden schon mindestens seit Mitte des 12. Jahrhunderts in
Frankfurt.
Viele jüdische Gemeinden aus der näheren und weiteren Umgebung Frankfurts besaßen zu dieser Zeit noch keinen eigenen Friedhof. Deshalb wurden bis weit in das 16. Jahrhundert auch „fremde“ Juden auf dem heute „Alter Friedhof“ genannten Begräbnisplatz der Frankfurter Gemeinde bestattet. Die Belegung dieses Friedhof endete im Jahr 1828. In den sechs Jahrhunderten des Bestehens, des 11.850 qm umfassenden Areals, verringerte sich zwangsläufig der für Begräbnisse zur Verfügung stehende Platz. Um auch weiterhin ihre Toten in Frankfurt begraben zu können ohne gegen die Gebote zu verstoßen, musste die Gemeinde immer wieder Erde aufschütten lassen. In der neuen Aufschüttung konnten wieder Gräber "auf Ewig" eingerichtet werden. Selbstverständlich blieben die alten Grabsteine stehen, so daß im Verlauf der Zeit die Steine sehr eng bei einander standen. (Die selbe Entwicklung ist auch heute noch gut auf dem alten jüdischen Friedhof in Prag zu sehen) Wieviele Menschen auf dem Alten Friedhof tatsächlich ihr Grab "auf Ewig" fanden ist nicht bekannt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts standen noch circa 6.500 Grabsteine auf dem 11.850 qm umfassenden Areal.
Zu den bekanntesten hier beerdigten Personen zählt Mayer Amschel Rotschild, Gründer der heute noch existierenden Finanzdynastie gleichen Namens.
Im Jahr 1939 wurde die Gemeinde gezwungen ihre sämtlichen Liegenschaften, darunter auch die Friedhöfe an die Stadt Frankfurt zu verkaufen. Vier Jahre später, 1943, fiel der älteste Frankfurter Jüdische Friedhof der nationalsozialistischen Zerstörungspolitik zum Opfer. Auf Frankfurt einsetzende Bombenangriffe konnten die vollständige Zerstörung verhindern. Unter Trümmern und Bauschutt wurden bei Aufräum- und Instandsetzungsarbeiten in den Fünfziger Jahren neben unzähligen Bruchstücken 2.500 weitgehend unversehrte Grabsteine entdeckt. Auch die 175 historisch oder künstlerisch besonders wertvollen Steine, vor dem Beginn der Zerstörung auf dem jüdischen Friedhof in der Rat-Beil-Straße deponiert, wurden wieder zurückgebracht und stehen heute, da die ursprünglichen Standorte nicht festzustellen waren, entlang der Innenseite der Friedhofsmauer. Die Grabsteine einiger bedeutender Persönlichkeiten wurden in der Südwest-Ecke des Friedhofs, dem Ehrenfeld, zusammengefasst.
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2)
Bergen-Enkheim (2
Friedhöfe):
Eine kleine eigenständige Jüdische Gemeinde siedelte etwa seit
dem 14. Jahrhundert in dem in der Grafschaft Hanau gelegenen Bergen. Sie besaß
bis 1933 zwei Friedhöfe.
Der "alte" Jüdische Friedhof wurde vermutlich im 17.
Jahrhundert angelegt. Das 1.731 qm große Areal verbirgt sich hinter der
Häuserreihe Nr. 2-16 "Am Weissen Turm".
Bilder
. Hier fanden jüdische Verstorbene bis 1924 ihren Platz "auf ewig". Nur wenige
Grabsteinen überstanden die Nazizeit. Der
"neue" Jüdische Friedhof liegt etwas außerhalb Bergens "Am Berger Galgen".
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Der Begräbnisplatz 180 qm umfassend, wurde von 1925 bis 1933 belegt. Einige
wenige Grabsteine sind auch hier heute noch zu sehen
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3) Bockenheim (Sophienstrasse):
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In Bockenheim gab es eine kleine eigenständige Jüdische Gemeinde. Der
Zeitpunkt ihrer Entstehung ist nicht bekannt. Vermutlich bestand sie
jedoch schon zu Zeiten, als Bockenheim noch zur Grafschaft Hanau
gehörte. 1736 kam der Ort zu Kurhessen, 1815 zu Hessen-Kassel. 1819
erhielt Bockenheim Stadtrecht, wurde 1866 Preußen einverleibt und
schließlich 1895 Frankfurt eingemeindet. Der alte jüdische
Friedhof von Bockenheim befindet sich an der Sophienstraße. Der
Zeitpunkt seiner Entstehung ist unbekannt, belegt wurde er bis Anfang
des 20. Jahrhunderts. Von einer hohen Mauer umgeben, ist das 1.641 qm
umfassende Areal von der Straße nicht einsehbar. Etwa 300 Grabsteine
überdauerten die Nazizeit.
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4) Eckenheimer Landstrasse (Neuer Jüdischer
Friedhof)
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Das 54.532 qm großen Areal des Neuen Jüdischen Friedhofs wurde im selben Jahr wie der Hauptfriedhof, 1928, an der Nordgrenze der Frankfurter Gemarkung liegend, eröffnet. Er überstand die Zeit des Nationalsozialismus und wird bis heute belegt. Der Eingangsbereich besteht aus einem auf allen vier Seiten durch Gebäude oder Mauerwerk begrenzten Platz. Drei nebeneinander liegende Pforten bilden das Hauptportal über dem in hebräischen Lettern der Spruch zu lesen ist: "Wandeln werd ich vor dem Antliz des Ewigen in den Gefilden des Lebens". Auf dem Fries des gegenüberliegenden auf das Gräberfeld führenden Portals wiederholt sich der Spruch (Psalm 116,9) in deutscher Sprache. Das Ensemble entwarf der Regierungsbaumeister Fritz Nathan.
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5) Griesheim: 200
qm
Bilder
Eine
sehr kleine Jüdische Gemeinde bestand in Griesheim, das ehemals zum
Churfürstentum Mainz gehörte, dann mehrfach den Besitzer wechselte und
schließlich eigenständig
wurde.
Die Jüdische Gemeinde musste lange ihre Toten in Frankfurt oder in
Rödelheim bestatten, ihr wurde kein eigener Friedhof gestattet. Erst im
Jahr 1780 erhielt sie die Genehmigung eine Begräbnisstätte am Ufer des
Mains anzulegen. 90 Jahre später wurde das Gelände von der IG Farben AG
aufgekauft und entgegen allem Protest in Fabrikgelände umgewandelt.
Daraufhin wurde 1897 der Friedhof entgegen jüdischer Tradion und des
Protests der Jüdischen Gemeinde abgeräumt. Etwa 40 Tote wurden
exhumiert und mitsamt ihren Grabsteinen auf ein an den neuen
christlichen Friedhof in der Waldschulstraße angrenzendes Gräberfeld
umgebettet. Dieses Gräberfeld, auf dem ansonsten keine weiteren
Bestattungen stattfanden, ist heute noch zu sehen.
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6) Heddernheim:
Bilder
In dem zum Churfürstentum Mainz gehörenden Heddernheim bestand
mindestens seit dem 12. Jahrhundert eine kleinere selbständige Jüdische
Gemeinde. Der älteste jüdische Friedhof in Heddernheim entstand 1376
und wurde bis in das Jahr 1827 belegt. Das Grundstück, in der Straße
"Alt-Heddernheim" Nr. 9 gelegen, ist heute bebaut. Die jetzt als "alter
jüdischer Friedhof" bezeichnete Begräbnisstätte in Heddernheim wurde
1827 eröffnet und befindet sich an der nördlichen Seite der Straße "In
der Römerstadt" nahe der Rosa-Luxemburg-Straße. Das Areal umfasst 1.753
qm. Einige Grabsteine des älteren Friedhofs wurden nach dessen
Schließung hierher verbracht und sind noch heute an die Mauer gelehnt
zu sehen.
7)
Niederursel/Urselbachtal: 2 Friedhöfe nassauisch seit 1815 zu
Frankfurt/M
Bilder
Auch in Niederursel siedelten
Juden. Die Überreste zweier Friedhöfe zeugen davon. Der "alte" Jüdische Friedhof umfaßte
1.084 qm. Er befindet sich am Oberurseler Weg Richtung Oberursel auf der linken
Seite. Der zweite Jüdische Friedhof mit 818 qm liegt an der selben Straße einen
halben Kilometer weiter auf der rechten Seite. Beide Gräberfelder sind mit einer
Tafel gekennzeichnet, die auf das Bestehen eines Jüdischen Friedhof an den
jeweiligen Orten hinweisen. Nieder-Ursel (Alter Friedhof): 1,084 qm
See pictures.
Ein Beschluß des städtischen Senats sah vor, die Friedhöfe grundsätzlich nach außerhalb der Stadt zu verlegen. 1828 wurden schließlich zwei christliche wie auch ein neuer Jüdischer Friedhof eröffnet. Das in der Rat-Beil-Straße gelegene Areal des Jüdischen Friedhofs, heute 73.831 qm umfassend und auf drei Seiten vom Hauptfriedhof eingeschlossen, wurde bis 1929 belegt. In den 100 Jahren der Belegung des Friedhofs Rat-Beil-Straße wurden annähernd 40.000 Gräber "auf Ewig" angelegt. Dies war allerdings nur möglich, da das Areal mehrfach erweitert wurde. Zunächst umfasste es lediglich die vorgeschriebenen neun Morgen. Schon in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts erfolgte eine erste Erweiterung, eine zweite in den 90er Jahren und eine dritte im Jahr 1923.
Der Eingang des Friedhofs wird umrahmt von einem nach den Plänen des Architekten Fritz Rumpf erbauten streng klassizistischen Portal, das die hebräische Inschrift ziert: "Wer geraden Wegs wandelt ziehe in Frieden, dorthin, wo sie auf ihren Lagern ruhen" (Jesaja 57,2). Architektonisch kommt hier das neue Selbstverständnis zum Ausdruck, zu dem die Frankfurter Juden gefunden hatten. Dies trotz dramatischer Rückschläge im Verlauf ihrer Emanzipation in Frankfurt, deren Vollendung 1828 von Seiten der Stadt noch immer ausstand.
Trotz der nur langsam von statten gehenden politisch-rechtlichen Emanzipation, vollzog sich - nicht nur unter den Frankfurter Juden - die Akkulturation. Auf dem Friedhof Rat-Beil-Straße verdeutlicht sich diese Entwicklung im Bereich der Grabkunst. Die Grabsteine der ersten Jahre entsprachen dem althergebrachten schlichten Stil. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde jedoch mehr und mehr der christlich Brauch, die Grabstätten nach Belieben und nach Vermögen zu gestalten, übernommen. Prunkvolle Grabmähler, geprägt von Geschmack und Stil der Zeit, wurden von manchen Hinterbliebenen für ihre verstorbenen Familienmitglieder errichtet.
Der Reformkurs der Frankfurter Jüdischen Gemeinde nicht nur im Bestattungswesen allein missfiel einem Teil ihrer Mitglieder, die sich vereinigten, 1851 die "Israelitische Religionsgemeinschaft" gründeten und 1876 schließlich aus der ihnen zu liberal agierenden Gemeinde austraten, um fortan ihrer eigenen religiösen Wege zu gehen. Nach ihrer Trennung von der Hauptgemeinde, erwarb die orthodoxe IRG" noch 1876 ihren eigenen Friedhof, wo sie zukünftig ihre Toten bestattete. Das Grundstück grenzte zum Zeitpunkt des Ankaufs lediglich an die östliche Mauer des Rat-Beil-Friedhofs. Heute, nach den oben erwähnten Erweiterungen, ist das Gräberfeld der "IRG" im Westen, Norden und Osten vom Friedhof der Hauptgemeinde umschlossen.
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9) Rödelheim (2
Friedhöfe):
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In dem bis 1806 zur Grafschaft Solms zugehörigen Rödelheim bestand ebenfalls eine eigenständige Jüdische Gemeinde. Im Jahr 1812 zählte sie 426 Mitglieder und stellte damit 30 Prozent der Rödelheimer Einwohnerschaft. Auch als Rödelheim 1910 nach Frankfurt eingemeindet wurde, blieb die Jüdische Gemeinde selbständig. Überregionale Bekanntheit erlangte die 1799 gegründete hebräische Druckerei, deren Produkte bis heute benutzt werden. Dabei handelt es sich insbesondere um Siddurim und Machsorim mit deutscher Übersetzung.
In Rödelheim befinden sich heute noch zwei jüdische Friedhöfe. Der größere am Zentmarkweg gelegene, umfaßt 2.724 qm. Die kleinere Begräbnisstätte an der Westerbachstrasse ist 1.493 qm weit. Die ältesten der noch etwa 20 erhaltenen Grabsteine datieren auf die 1740er Jahre.
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"Judengasse"
(Boernestrasse) |
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| Friedhof Battonstrasse | ||